Interview | Upcycling: Carlos Vargas

Nach Trash-Art kommt Upcycling Kunst!

In 2012, auf meiner so wunderbaren Reise, bereiste ich u.a. Nicaragua. Dieses Land und seine Leute waren sehr prägend. Dort habe ich Carlos kennen gelernt. Carlos ist studierter Architekt, aber hat sich für die Freiheit und die Kunst entschieden. Seine Kunst ist ganz besonders, denn er malt sehr schöne Bilder mit Kaffee. Da ich Carlos, mit seinen Ideen und seinen Bildern so unglaublich toll finde, wollte ich Carlos unbedingt in meiner Interviewreihe Upcycling Design vorstellen. Nicht ganz einfach, denn ich musste erstmal alle 10 Fragen und Antworten hin und her übersetzen. Ich hoffe, ich konnte den Wortlaut nahezu korrekt wieder geben. 😀

Aussicht vom Kunstprojekthaus auf den Bergen San Ramón de Matagalpa, Nicaragua
Aussicht vom Kunstprojekthaus auf den Bergen San Ramón de Matagalpa, Nicaragua

 

1. Wer bist du? Stell dich kurz vor…

Mein Name ist Carlos Danilo Vargas Gutierrez. Ich komme aus einem Dorf in dem schönen Land Nicaragua, welches San Ramón del Departamento de Matagalpa heißt. Ich bin 43 Jahre alt und ich lebe als Künstler. Ich lebe in einer Gemeinde, welche inmitten von natürlichen Reserven, Kaffeeplantagen, Flüssen, Bergen und Wasserfällen liegt. Ich liebe meinen Ort zu erkunden, zu genießen und mein Wissen zu teilen. Ich bin viel in meinem Land gereist, war lange in Lateinamerika unterwegs und sogar zweimal in Europa bei Veranstaltungen und Festivals. Insgesamt habe ich mehr als 30 Ländern besucht. Mit meiner Kunst und der großen Unterstützung von guten Freunden, bin ich herum gereist. Ich bin glücklich, weil ich das tue, was ich liebe. Am Ende kann ich nur sagen, wer ich bin. Ich weiß eigentlich nichts, ich weiß nur, dass ich versuche frei zu sein und das zu leben was ich liebe, meine Kunst.

 

2. Beschreibe dein Projekt, stell es kurz vor…

Kaffee, die Welt des Kaffees ist so groß und schön. Mit viel Wissen und Erfahrung erhält man viele Derivate und Unterprodukte des Kaffees, welche für mich aber keinen Wert haben. Ich weiß nur, dass man aus Kaffee eine natürliche Tinte gewinnen kann. Aus Körnern wird die Tinte extrahiert und man erhält somit eine große Auswahl an monochromen Sepia Farben, die mit ein wenig Phantasie eine fantastische Welt der Kunst schaffen. Meine Aufgabe ist es, frei zu malen. Die Mutter Erde schenkt uns ihre Früchte für die alternative und natürlichen Kunst.

Mit dieser Erfahrung, kann ich sagen, dass es mich tief verletzt, weil wir Menschen unserer Mutter Erde Schaden zufügen. Wir zerstören ihre Haut, ihren Körper und ihr Blut und alles was ihr passiert, passiert auch uns irgendwann. Deswegen verwende ich in meinem Projekt Techniken, die weitere Verschmutzung unseres Lebensraumes vermeidet. Das Wissen müssen wir an unseren zukünftigen Generationen weiter geben und eine Änderung unseres Lebensstils vornehmen, d.h. das Paradies welches wir hatten bleibt immer eine Utopie, aber es muss nicht nur ein schöner Traum bleiben, wir können ihn zur Realität werden lassen, wenn nur jeder mitmacht.

Das ist mein Lebensprojekt, für das ich mein Haus, meine Familie, meine Freunde und meine Gemeinde verlasse habe. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem wir alle lernen und lehren können. Mir wurde gesagt, dass das unmöglich ist, weil es ein großes und teures Projekt ist und ich nur ein Künstler ohne Geld bin. Wenn du deine Träume Wirklichkeit werden lassen möchtest, kannst du das erreichen! Das ist mein Traum und mein Lebensprojekt.

3. Wie bist du zu deinem Projekt gekommen?

Durch meine Lebenserfahrung. Unser Land hat viele Kriege und Konflikte erlebt. Wir sind in Nicaragua als Konquistadoren, Söldner und Freibeuter geboren und letztendlich hat uns die Welt des Ehrgeizes und Schmerz sehr tief berührt, aber unser Nicaragua hat uns auch Solidarität, Demut sowie Gleichheit gegeben und dass wir für unsere Rechte kämpfen können.

Die Unterstützung meines Vaters, der Kampf meiner Gemeinde, Freunde und Familie hat uns geholfen, das maximale an unseren persönlichen Ressourcen auszuschöpfen, um eine neuen Weg zu erkunden, der die neuen Alternativen der Kunst eröffnet. 

Unsere Großeltern hatten schon eine Kultur des Recycelns. Zum Beispiel haben unser Großeltern keine Plastiktüten für den Einkauf auf dem Markt benutzt, sie benutzten eine Stofftasche in welche die Einkäufe kamen. Sie waren niemals an Zeiten gebunden, wie die Menschen heute, die völlig abhängig von den Medien sind. Sie verlieren mit der Zeit ihre Ideen und sammeln so keine eigenen Erfahrungen mehr.

Mein Leben war immer von Notwendigkeiten und Prioritäten bestimmt. Ich studierte nicht Kunst, sondern Architektur, weil das mein nächster Schritt war und ich das damals so wollte. Mein wahrer Weg aber ist, mit Kaffee Kunst zu machen, weswegen das Leben auf der Straße eine Notwendigkeit war in dieser Welt zu überleben. Die Straße ist ein offener Ort, an welchen man Erfahrungen sammelt und sich mit anderen Künstlern über Wissen und Techniken austauschen kann. Diese offenen Räume sind das Resultat vom Leben und  den großen Ideen. Was noch wichtiger ist, ist die eigene Inspiration und Hingabe, denn das ist der Weg meiner künstlerischen Arbeit mit Naturfarbe aus Kaffee.

 

4. Mit welchen Materialien arbeitet du?

Der natürliche Farbstoff wird durch das Rösten und Mahlen der Kaffeebohne sowie aus dem Kaffeesatz gewonnen. Mit ein bißchen schwarzen und weißen Acryl mische ich die Kaffeefarbe um mehr Helligkeit und einen größeren Kontrast in dunkleren Bereichen zu erhalten. Ich arbeite meist auf Papierfasern von verschiedenen Pflanzen, aber in vielen Fällen nehme ich was mir gerade in die Hände fällt, sowie Papier und Pappe aus Recycling- oder Industrieprojekten, welche auf Papier-Recycling in Zentral Amerika basiert sind.

 

5. Woher beziehst du deine Materialien?

Der Kaffee aus meiner Gemeinde wird von kleinen Kaffeebauern produziert. Ich versuche sie durch den Kauf von ihrem Kaffee und durch kostenlose Werbung zu unterstützen. Mit dem Kaffee, welcher konsumiert wird, kann ich auf verschiedenen Papiervarianten malen. In meinem Land gibt es handgemachtes Papier, wie das aus Naturfasern oder recyceltem Papier und Pappe. 

 

6. Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich?

Nachhaltigkeit ist für mich das eigentliche Ziel meines Projektes. Viele sehen Nachhaltigkeit als eine Art und Weise der wirtschaftlichen  Stabilität und unterscheiden nicht zwischen einem Chef, einem Angestellten oder einem Fließbandarbeiter. Für mich aber ist Nachhaltigkeit, neben meiner eigenen wirtschaftlichen stabilen Lage, mit meiner Gemeinde in Harmonie zu leben. Wenn meine Umgebung in Harmonie ist, kann ich mit meinem Glück, meiner Freiheit und durch meine Arbeit, einen Teil dieser positiven Energie an andere weitergeben, sodass auch ihr Geist aufrecht erhalten bleibt. Kunst, Energie und Glück leitet uns positiv und deswegen ist Nachhaltigkeit die Balance von allem dem was es gibt.

 

7. Kannst du von deinem Projekt leben?

Es ist ein sehr interessantes Projekt, welches vor fast 15 Jahren, mit der Idee als Künstler zu leben, geboren wurde. Viele bezeichneten mich als verrückt, weil ich meine Architektenkarriere hingeschmissen habe. Ich habe versucht meine Malereien auf der Straße zu verkaufen. Am Ende waren es zwei Monate in denen ich nichts verkaufte, aber ich war glücklich frei zu sein.

So wie ich nun war, konnte ich nicht mehr in meine Stadt und zu meinen Freunden zurück, denn die Wahrheit war, dass nun andere Menschen, in meinem Herzen waren, die mir sagten, dass ich mit meiner Kunst die Welt bereisen solle. Jetzt, nach 15 Jahren durch die Welt reisen, realisiere ich, dass das, was mir gesagt wurde, absolut richtig war.

Der schwierigste Schritt, ist immer der Erste, denn am Anfang stehen immer Zweifel, Angst, Frustration und Unsicherheit. Doch wer den ersten Schritt wagt, wird immer eine helfende Hand, ein Lächeln und ein Wort der Liebe finden. Wenn du wirklich glaubst, du willst es niemals wagen, dann tu es nicht, aber ich kann dir sagen, ich bin froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin und ich kann sagen, das was ich am Besten kann und was ich mag, erfüllt mich mit Freude. Es ist schön die Freiheit zu leben, zu fühlen und vor allem zu schätzen. 

 

8. Wo findet man dich? (Internet, Messen, Laden, etc.)

Ich habe keinen Homepage, aber ich bin auf Facebook vertreten. 

 

9. Was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich habe immer Ideen und Projekte am Laufen, aber in der jetzigen Phase meines Lebens haben wir die Möglichkeit der Wiederbelebung de Projektes des Kulturhauses in meiner Gemeinde San Ramón, sodass wir ein Stück Land kaufen wollen, wo wir alle Kunst machen und die Freiheit sowie Ideen gemeinsam teilen könnten. Damit könnten wir ein wertvolles Vermächtnis für die zukünftigen Generationen hinterlassen.

Leider gibt es solch einen Platz nicht zu verkaufen oder zu verschenken. Es ist wirklich blöd keinen Ort, kein Haus oder Raum zu haben, welchen wir mit allen teilen können. Vor einiger Zeit hatten wir ein Haus in den Bergen, aber die Ignoranz hat gewonnen und unser Projekt wurde vertrieben. Freunde helfen bei der Wiederbelebung der Idee des Kunstprojektes und um den Generator des Wasserreservoirs zu schützen. Sie haben mir jetzt gesagt, dass es verrückt sei und nicht geschützt werden kann, aber ich lache nur und sage, dass dies mein Ziel für die Zukunft ist. Eine neue Herausforderung, um die es sich zu kämpfen lohnt, denn unsere Mutter Erde hat uns gerufen. Das ist meine Vision für die Zukunft, nicht allein, sondern mit allen zusammen. Mit viel Liebe zur Kunst und dem Glauben Berge versetzen zu können wird uns das Leben beschenken. 

 

10. Was wolltest du schon immer mal machen?

Frei sein und die Freiheit mit alle wunderbaren Menschen teilen, die den Wind der Freiheit in ihren Gesichtern noch nicht fühlen können. Das ist es was ich machen will, mit Farbe aus Kaffe die Freiheit malen und teilen. Wir müssen nicht nur glauben, deswegen sage ich immer ICH BIN FREI!! UND DU, bist du auch FREI?

 

 

Wow, was für ein Interview! Die Antworten sind mehr als poetisch. Mein Spanisch ist ein wenig eingerostet, daher hat die Übersetzung etwas Zeit in Anspruch genommen. Umso mehr konnte ich mich über jedes einzelne Wort freuen und bin begeistert über so viel Energie und Liebe! Im Übrigen war ich damals auch in dem Haus auf den Bergen in San Ramon. So eine schöne Community habe ich selten erlebt. Mucha energía! Ich bekomme immer ein mega Kribbeln, wenn ich an diese tolle Zeit denke. So schön, dass ich das erleben durfte 🙂

 

 

Ihr Lieben, wenn ihr mehr über Carlos erfahren möchtet oder auch eines seiner wunderbaren Bilder erwerben möchtet, dann kontaktiert ihn auf Facebook: Gallo Vago

 

Viel Liebe und Energie

Sternchen

Stefanie Verfasst von:

Hi, ich bin Stefanie und blogge auf Alt trifft Neu über Upcycling und Green Lifestyle, dem nachhaltigen Lebensstil. Ich freue mich, dich auf meine Reise mitzunehmen.

2 Kommentare

  1. August 23
    Antworten

    Schön, dass es solche Projekte gibt und total gut, dass Du über solche berichtest!
    Ich freue mich darauf, mehr von Dir zu lesen und besuche Deine Webseite künftig sicherlich häufiger! Danke für diesen schönen Bericht 🙂

    • Sternchen
      August 23
      Antworten

      Oh vielen lieben Dank. Ja, das Projekt ist super und Carlos ist ein Herzensmensch 🙂

      Schau dich gerne um, das Gleiche werde ich bei dir tun…

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